Das neue Geschäft gehörte einer größeren Handelskette an und hätte in den Augen meines Lehrers mehr Anerkennung gefunden.... Ich fühlte mich in keiner Weise zur Wurst-
und Fleischverkäuferin ausgebildet. Wenn schon eher für Obst und Gemüse, aber danach hatte mich niemand gefragt. Hier hatten wir eine große Metzgerei mit einem Kühlhaus,
in dem das Fleisch an Haken unter der Decke aufgehängt war, ähnlich wie die Kleidung in der Schwarz- und Weißkau. Die Wurstwaren wurden jeden Abend in großen Kühltruhen
unter der Theke verstaut. Jeden Dienstag kamen die Schweinehälften, die vom Metzger zerlegt und zu Wurst verarbeitet wurden. Es gab große Kübel mit Blut, und die Frauen brachten
ihre Milchkanne, die ich dann im Kühlhaus mit dem Blut füllen musste.
Ich war über meinen neuen Arbeitsplatz alles andere als erfreut. Ich hatte schon immer den Käse der Wurst vorgezogen, und diese Menge an Fleisch und der daraus aufsteigende Blutgeruch
waren mir unangenehm. Besonders am Dienstag, wenn sich die Schweinehälften in der Wurstküche stapelten, warf ich einen sehnsüchtigen Blick auf das wohlriechende Obst am anderen
Ende des Ladens. Da ich wieder einmal die Jüngste und Größte war, musste ich all die Arbeiten verrichten, die am unangenehmsten waren. die Frauen gingen nicht gerne in die
Wurstküche, weil die Metzger ihnen immer anzügliche Sachen hinterherriefen oder sie in den Po kneifen wollten. Ich hatte es schnell geschafft, mir diesbezüglich Respekt zu verschaffen,
was mir die ständigen Gänge nach hinten einbrachte. Auch sollte mich meine Größe für das Tragen von Kotelettreihen, Eisbeinen, Behältern mit Nierchen, Leber und Lunge
besonders geeignet machen. (Seite 173/74)....
Unangenehm fand ich das Aufarbeiten der Wurstdärme. Hierzu mussten die in Salz eingelegten Därme mit ein wenig Wasser gefüllt und dann
einmal durch den ganzen Darm gezogen werden. Auf die Frage, ob ich mir nicht etwas mit nach Hause nehmen wollte, sagte ich, dass wir Zuhause nicht
wursten würden. Der Metzger brach in schallendes Gelächter aus, konnte sich dann aber nicht entscheiden, ob ich einfach nur naiv oder eine ganz
Ausgekochte war. (Seite 175)